Wenn der Krieg zu Hause stattfindet
25. August 2026 | WLZ 137 | Autorin: Stefanie Schadler
Ein neues Buch aus dem Wechselland öffnet den Blick auf eine Familie im Zweiten Weltkrieg, deren Sohn und Bruder in die Wehrmacht einberufen wurde. Eine Geschichte über damalige Sorgen und das Meistern des Alltags.
Foto © Christine Stögerer
Eine Geschichte über eine Familie
Ein Krieg passiert nicht nur an der Front, sondern auch bei der daheimgebliebenen Familie. Die Sorge um den eingerückten Sohn und die Herausforderung, den Bauernhof in seiner Abwesenheit weiter zu betreiben: der Alltag im Ausnahmezustand. Aus Einblicken in 50 Feldpostbriefe ist mit „In ein paar Jahren“ eine Geschichte über den Zweiten Weltkrieg entstanden, die sich überwiegend zu Hause bei der Familie in Redlschlag im Burgenland abspielt.
Daniel Stögerer aus Festenburg erhielt die Briefe des Soldaten, der 1943 an die Front geschickt wurde, von dessen Großnichte. Diese wurden, von der Familie versteckt, in einem Kasten entdeckt. Sie sind mit dem Wunsch an Herrn Stögerer herangetreten, darüber eventuell ein Buch zu schreiben. Erst auf den zweiten Blick entstand bei ihm die Idee zum Buch. Denn entgegen seiner ursprünglichen Vermutung ging es in den Briefen nicht um die Ereignisse an der Front und die Gefühle und Gedanken des Soldaten. Vielmehr waren sie eine Art Lebenszeichen des Sohnes, das alle paar Wochen von seiner Familie erwartet wurde und in denen er sich nach Alltäglichem wie der Ernte erkundigte.
Zwischen Fiktion und Fakten
Im Zuge seiner Recherchen hat sich Stögerer mit Senioren aus Redlschlag unterhalten und mit Unterstützung von Dr. Andreas Salmhofer, Obmann des Historischen Vereins Wechselland, weitere Unterlagen aus dieser Zeit zusammengetragen – unter anderem einen Brief von Angehörigen einer Romasiedlung aus Redlschlag, die im Zweiten Weltkrieg deportiert wurde. Es handelte sich dabei um einen Beschwerdebrief an die Reichsregierung über die Diskriminierung und schlechte Behandlung der eigenen Leute. In dem Schreiben begrüßten die Verfasser den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und verbanden damit die Hoffnung, endlich Arbeit zu bekommen. „Es handelte sich dem Brief nach um verzweifelte Leute. Sie hatten noch nicht erkannt, dass das Nazi-Regime nicht nur die Juden, sondern auch die Roma ausgrenzte. Schlussendlich nahm es ein böses Ende für sie“, berichtet Stögerer über dieses bewegende Dokument.
Während dieser Brief und eine Auswahl der Feldpostbriefe im Buch abgedruckt sind, hat er sich bei den Kapiteln über die Familie die Freiheit genommen, etwa die Persönlichkeit und Gedankengänge der handelnden Personen fiktiv zu ergänzen. Hier liege auch die Herausforderung für ihn als Autor, die Erwartungen der Familie mit seinen eigenen künstlerischen Vorstellungen zu vereinbaren. „Es war sehr schön, mit der Familie zusammenzuarbeiten. Sie hat sich über die Aufarbeitung ihrer Geschichte gefreut, wofür ich sehr dankbar bin.“
Sich in Menschen hineinversetzen
Von Beruf Krankenpfleger, bezeichnet sich Stögerer als eher faulen Menschen, der Arbeiten etwa im Garten gerne aufschiebt. Doch im Gegensatz dazu ist das Schreiben eine Tätigkeit, der er leidenschaftlich gerne nachgeht und auf die er sich schon freut, wenn er einen Tag frei hat. „Das Schreiben ist sehr zeitintensiv, aber ich erlebe gerne Dinge, die sonst keiner weiß oder die in Vergessenheit geraten würden“, so Stögerer zu seinem historischen Bezug.
Im Vergleich zu seinen früheren Werken wie „Luzia“ ist „In ein paar Jahren“ wesentlich näher an der Realität, was sich nicht nur in den realen Namen, sondern auch an den Originaldokumenten äußere.
Mit diesem Buch wirft er einen differenzierten Blick auf die Geschichte des Krieges. Er, der selbst nie einen Krieg erlebt hat, sehe ihn als etwas, in dem Gut und Böse nicht leicht auseinanderzuhalten seien. Gleichzeitig auch als etwas, das man sich oft nicht aussuchen könne. Man könne lange Zeit glauben, alles richtig zu machen, um am Ende schließlich erkennen zu müssen, dass man sich geirrt hat. „Wie Leute aus einer anderen Zeit agiert haben, sollte man sich immer im Detail anschauen. Man muss sich in ihre Zeit versetzen, um zu verstehen, wie schwierig es war, aus deren Perspektive die richtigen Entscheidungen zu treffen“, will Stögerer seinen Lesern einen wichtigen Gedanken mitgeben.
Sein Buch erscheint am 1. September und ist in jedem Buchhandel und online erhältlich.


