Wichtiger Arbeitgeber – damals und heute
06. Oktober 2026 | WLZ 138 | Autorin: Stefanie Schadler
Ein Standort für Textilerzeugung in Sinnersdorf ist heute Lager und Produktionsstätte einer Firma für Tiefkühlkost. So verschieden die Zeiten und Branchen auch sind, ihre wichtige wirtschaftliche Bedeutung für die Region ist unbestritten.
Luftbild aus um 1960 mit den zahlreichen Fabriksgebäuden.
Fotos © Historischer Verein Wechselland
Wasser als Standortwahl
Derselbe Standort, eine ähnliche Bedeutung für die Region und doch völlig unterschiedliche Branchen: Am Standort Sinners-dorf in der Marktgemeinde Ping-gau steht ein Fabriksgebäude, das über Jahrzehnte wirtschaftliche und politische Veränderungen mittrug. An der Pinka gelegen, war Sin-nersdorf ideal für Betriebe, die mit Wasserkraft betrieben wurden. So war dort eines der ältesten urkundlich erwähnten Sägewerke von 1573 bis 1981 in Betrieb, ebenso wie eine Schmiede von 1749 bis 1902. Das heutige Betriebsgebäude, südlich der Kirche gelegen, geht auf das Jahr 1867 zurück. Eine Hammerschmiede fertigte dort Haken, Sensen und Sicheln bis ins Jahr 1883. Im Anschluss nutzten es Tuch- und Lodenwalker aus Pinkafeld.
1902 übernahmen die Unternehmer Josef Martin, Max Holzer und Zacharias Körner das Gebäude und stellten Pferde- und Gebrauchsdecken her. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Textil – produktion um feine Stoffe für Kos – tüme, Mäntel und Anzüge erwei – tert und ausgebaut. Aus anfangs etwa 20 Mitarbeitern waren in den 1930er-Jahren bereits rund 200 Mitarbeiter und der Betrieb zu ei – nem der größten im Wechselland und Umgebung geworden. Seit der Unternehmensgründung 1902 kam es zu verschiedenen Um – strukturierungen sowie Besitzer- und Namenswechseln.
Veränderungen durch den Zweiten Weltkrieg
Die jüdische Gesellschafterfami-lie Holzer verlor nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich ihren Anteil am Betrieb. Sie emigrierte im selben Jahr nach Palästina. Auch der Fokus der produzierten Waren veränderte sich, da während des Kriegs vorwiegend Heeresdecken für die Wehrmacht hergestellt wurden. Dem kriegswichtigen Betrieb fehlten jedoch Mitarbeiter, sodass Zwangsarbeiter, vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien, dort arbeiten mussten. Der damalige Gesellschafter Theodor Martin sowie zwei weitere Mitarbeiter wurden im Mai 1945 von sowjetischen Soldaten verschleppt und vermutlich ermordet.
Nach Kriegsende kamen die Nachfahren der Familie Holzer aus Palästina zurück und traten ihren Besitzanteil 1949 wieder an. Auch der Gesellschafter Carl Anders kehrte zurück und der Betrieb wurde unter dem Namen „Martin und Anders“ weitergeführt. Nach dem Ausstieg von Carl Anders und der Familie Holzer wurde die Firma ab 1960 unter dem Namen „Martin & Co OHG – Schafwollwaren- und Deckenfabrik“ weitergeführt. Erfolgreiche Jahre, bedingt durch den Nachkriegsbedarf, führten zu einem Mitarbeiterstand von rund 130 im Jahr 1956. Erst in den 1970er-Jahren kam es zu Umbrüchen im Textilbereich und 1980 sahen sich die Inhaber dazu gezwungen, die Fabrik an die Tiroler Firma „Matthias Wey-rer und Söhne“ zu verkaufen.
Zahlreiche Modernisierungen folgten, dennoch musste 1984 erneut Konkurs angemeldet werden. Die Tiroler Tuchfabrik „Baur-Foradori“ betrieb die Weberei und Appretur weiter. 1985 wurde die Firma in die „Tiroler Loden AG“ eingegliedert, die 1991 Konkurs anmeldete. Schließlich wurde 1993 das verwahrloste Fabriksgebäude von der Firma „Meisterfrost“ erworben und zu einer Produktionsstätte für Tiefkühlkost. 1999 expandierte die Firma und errichtete einen neuen Standort westlich von Sinnersdorf. Das Fabriksgebäude wird bis heute als Lager und Produktionsstätte für die Firma genutzt. Meisterfrost zählt – wie zuvor über Jahrzehnte die Textilfabrik – zu einem der größten Arbeitgeber im Wechselland.



