Bewegung von klein auf – ein Gewinn fürs ganze Leben
29. April 2026 | WLZ 134 | Autorin: Stefanie Schadler
Ein positiver Zugang zu Bewegung im Kindes- und Jugendalter wirkt oft bis ins Erwachsenenleben und fördert nachhaltig die Gesundheit.
Gemeinsame Aktivitäten mit der Familie oder Freunden machen Spaß und sorgen für einen positiven Zugang zu einem aktiven Lebensstil.
60 Minuten
Kleinkindern am Spielplatz zuzusehen zeigt, wie viel Energie in ihnen steckt. Dabei ist es gerade diese Neugier, dieses Toben und Spielen, das ihnen für später so viel Wichtiges mitgibt.
Bewegung wirkt sich auf unterschiedliche Weise positiv auf die Gesundheit aus. Sie stärkt die Muskulatur, das Immunsystem und fördert den Stoffwechsel.
Laut Weltgesundheitsorganisation benötigen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen fünf und 17 Jahren täglich durchschnittlich 60 Minuten körperlicher Aktivität. Dabei wechseln sich idealerweise moderate und höhere Intensität ab. 60 Minuten täglich – das klingt durchaus machbar. Und doch erreichen in der Realität weltweit rund vier von fünf Kindern und Jugendlichen diese Empfehlung im Alltag nicht.
Und was sind nun die Folgen, wenn sich Kinder zu wenig bewegen? Der Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde Dr. Karl Wagner in Gloggnitz sieht vor allem bei kleineren Kindern schlecht ausgeprägte Grundfähigkeiten wie Balancieren, Rückwärtslaufen und Koordination. „Purzelbaum oder Hampelmann schafft heute bei Weitem nicht mehr jedes Volksschulkind“, so Wagner. Bei älteren Kindern geht die körperliche Aktivität pro Tag nochmals zurück, nur noch elf Prozent der 14- bis 17-Jährigen erreicht die empfohlene Stunde. Die Folge ist oft eine schwach ausgeprägte Rumpfmuskulatur, die Haltungsschäden und Rückenschmerzen begünstigt. Auch häufen sich Muskelverletzungen und Bänderzerrungen beim Sport.
Eltern als Vorbild
Einen wichtigen Impuls für die Bewegung der Kinder können die Eltern geben. Auch Wagner betont: Eltern sind die wichtigsten Vorbilder für das Gesundheitsverhalten ihrer Kinder. Das beginnt schon beim Vorleben im Alltag, etwa indem man kurze Strecken bewusst zu Fuß zurückzulegt oder als Alternative zum Auto auch einmal das Fahrrad nutzt.
Wichtig bei der Bewegung ist, dass man zumindest leicht außer Atem kommt, was bereits bei zügigem Gehen oder Radfahren passiert. Dabei geht es weniger um klassischen Sport als vielmehr um Bewegung im Alltag. Dazu zählen auch das Klettern am Spielplatz, das Herumtoben mit Freunden, Inlineskaten, Schwimmen oder der Spaziergang mit dem Hund. „Besonders im Volksschulalter ist das freie Spiel im Freien besser als ein streng durchgetaktetes Training. Es fördert Kreativität, soziale Interaktion und motorische Vielseitigkeit“, betont Wagner. Dabei seien 60 Minuten realistisch umsetzbar, allein schon, wenn der Schulweg aktiv gestaltet werde: zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Roller – einen E-Scooter zählt Wagner dezidiert nicht dazu. Kleine Pausen sollten für Bewegung genutzt werden, etwa im Schulhof oder die Zeit vor dem Abendessen. Auch während des Aufgabenmachens und Lernens helfen Bewegungspausen dabei, die Aufmerksamkeit hoch zu halten und das Lernen zu erleichtern.
Nicht zuletzt helfen auch das Regulieren von Medienzeiten mit klaren, altersgerechten Regeln und gleichzeitiges Anbieten analoger Alternativen wie beispielsweise neue Spielgeräte für draußen oder bewährte Bewegungsspiele.
Externe Angebote
Bewegung in der Gruppe, Erlernen neuer Fertigkeiten und Entwicklung von Teamgeist – Vereine in der Region engagieren sich, den Kindern und Jugendlichen vielfältige Bewegungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Ob Fußball, Tennis, Ballett oder Schwimmen – die Angebote sind zahlreich. Der Verein „Fit Sport Austria“ zum Beispiel, der gemeinsam von ASKÖ, ASVÖ und Sportunion gegründet wurde, setzt auf Prävention und Gesundheitsförderung durch Bewegung. Er ist in der „Täglichen Bewegungseinheit“ seit dem Schuljahr 2024/25 in Kindergärten und den Sekundarstufen 1 federführend. Mit einer einfachen Onlinesuche nach Alter – von Kleinkind bis Senioren –, Sportart und Region kann nach den nächstgelegenen Bewegungsangeboten gesucht werden. Ballsport, Turnen und Kampfsportarten sind nur einige Beispiele der fast 8.000 Bewegungsangebote.
Als Familienaktivitäten eignen sich zum Beispiel die „Tut gut!“-Wanderwege in Niederösterreich. Die unterschiedlichen Wanderungen in den beteiligten Gemeinden wie Mönichkirchen, Zöbern und St. Corona am Wechsel reichen von 30 Minuten bis zu drei Stunden, von einfach bis fordernd. Auch Radwege bieten eine ideale Möglichkeit für die aktive Familienzeit, etwa der Feistritztal- oder Zöbernbach-Radweg in Niederösterreich oder der Thermenradweg R12, der von Mönichkirchen über die Oststeiermark weiter ins Thermen- und Vulkanland führt und zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten bietet. Auch die Aktion „Österreich radelt“ stellt das Fahrrad in den Mittelpunkt und möchte Schüler und Klassen dazu motivieren, Radkilometer zu sammeln – auf dem Schulweg oder in der Freizeit. Sie treten in den spielerischen Wettkampf mit anderen Schulen und können zusätzlich Gewinne ergattern.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, aktiv durch den Tag zu gehen. Und wer in jungen Jahren bereits einen positiven Zugang zu Bewegung geschaffen hat, dessen Gesundheit profitiert oft ein Leben lang davon.
Weitere Infos zur Aktion „Österreich radelt“ unter www.radelt.at
Dr. Karl Wagner darüber, warum Bewegung in der Kindheit so wichtig und Radfahren ein guter Einstieg ist sowie über seine Beobachtungen im Ordinationsalltag:
WLZ: Was bedeutet Bewegung im Kindesalter für die Gesundheit im Erwachsenenalter?
Wagner: Drei Dinge sind dabei entscheidend: erstens, die Knochenmasse – 90 Prozent davon werden bis zum 20. Lebensjahr aufgebaut; von diesem Puffer zehrt man im ganzen Erwachsenenleben. Zweitens der Stoffwechsel – die Anzahl der Fettzellen werden in der Kindheit festgelegt, später verändern diese Zellen nur noch ihre Größe, nicht mehr ihre Anzahl. Auch senkt ein aktiver Lebensstil in der Kindheit später massiv das Risiko für Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Und drittens die „Macht der Gewohnheit“ – die Wahrscheinlichkeit, dass ein sportlich aktives Kind auch als Erwachsener aktiv bleibt, ist um ein Vielfaches höher. Das ist der sogenannte Tracking-Effekt. Wer andererseits als Kind Bewegung als negativ empfindet, wird im Erwachsenenalter eher zum „Couch-Potato“.
WLZ: Ist Radfahren ein guter Einstieg?
Wagner: Nicht nur ein guter Einstieg – es ist der entscheidende Faktor, um die tägliche Bewegungszeit fast mühelos zu erreichen. Radfahren macht Spaß, schafft Ausdauer, Koordination und Geschicklichkeit und bringt den Kindern außerdem Selbstwirksamkeit bei – das Gefühl der Unabhängigkeit steigert das Selbstbewusstsein ungemein.
WLZ: Was überrascht Sie am meisten zu diesem Thema in Ihrem Ordinationsalltag?
Wagner: Dass Eltern das Problem der mangelnden Bewegung bewusst ist, sie aber gleichzeitig oft hilflos und planlos sind. Zwei Gedanken dazu: Man sagt, „Kinder brauchen keine Erziehung, sie machen uns ohnehin alles nach“. Oft sitzen bei mir im Wartebereich die Eltern und schauen gebannt auf das Smartphone – das wird zu Hause wahrscheinlich ähnlich sein. Hier wäre es gut, sich an der eigenen Nase zu nehmen und Regeln für handyfreie Zeiten einzuführen, zum Beispiel am Esstisch – an die sich dann aber auch alle halten! Die Welt der Kinder ist „kleiner“ und „sitzender“ geworden. Den Drang, hinauszugehen und die Welt zu erforschen wie früher mit Gleichaltrigen auf dem Spielplatz oder im Wald, leben Kinder und Jugendliche nun vermehrt in der digitalen Welt aus. Übergewicht und Adipositas sind im Steigen, bei Jugendlichen, aber auch schon im Volksschulalter. Dies sehe ich nicht so sehr in meiner Ordination, aber während meiner Tätigkeit im Krankenhaus war dieser Trend deutlich bemerkbar. Ich habe aber auch das Glück, dass die Eltern in meiner Ordination sich schon früh Gedanken über Ernährung und Bewegung ihrer Kinder machen und sich hier gerne beraten und begleiten lassen.



